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20 Jahre Wikipedia : Was bleibt von der Utopie des freien Wissens?

Wikipedia trat 2001 an, um das Wissen der Welt frei zugänglich zu machen. Hat die Plattform ihr Versprechen gehalten? Und welche Kräfte wirken auf sie ein?

20 Jahre Wikipedia : Was bleibt von der Utopie des freien Wissens?

Als die englischsprachige Wikipedia am 15. Januar 2001 online ging, ahnte wohl niemand, wie groß das Projekt einmal werden würde.Lionel BONAVENTURE / AFP

Um von „Jesus“ zum „Coronavirus“ zu gelangen, braucht man nur drei Klicks: Im „Jesus“-Artikel ist „Blasphemie“ verlinkt, dort wiederum die Seite der „Vereinigten Arabischen Emirate“. In einem Kapitel zu Wanderarbeitern wird das Virus erwähnt, und schon ist man vom Beginn unserer Zeitrechnung in der pandemischen Gegenwart angelangt. Von „Katze“ zu „Singularität“ sind es drei Klicks, von „Bill Gates“ zu „Staubsauger“ sogar nur zwei.

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die an diesem Freitag zwanzig Jahre alt wird, ist kein Eintrag weit vom anderen entfernt. Das lässt sich mithilfe von Online-Simulatoren wie „Six Degrees of Wikipedia“ zeigen. Durchschnittlich sind in der englischsprachigen Version lediglich drei Klicks notwendig, um von einem beliebigen Thema A zu einem beliebigen Thema B zu kommen.

Es gibt sogar ein Spiel, in dem die Teilnehmenden eine zufällige Seite aufrufen und versuchen, einen festgelegten Endpunkt so schnell wie möglich zu erreichen. Ein besonders beliebtes Ziel ist, so will es zumindest der Internetmythos, die Seite „Adolf Hitler“.

Es sind solche Details, die zeigen: Wikipedia ist der Anti-Brockhaus. Denn hier ist Wissen nicht alphabetisch sortiert, sondern organisiert sich in einem Netzwerk von Hyperlinks zu Quellen und anderen Artikeln, das sich ständig verändert und aktualisiert. Die Plattform hat das enzyklopädische Wissen den bildungsbürgerlichen Regalen entrissen, es frei verfügbar gemacht und demokratisiert.

Eine der letzten Bastionen einer fast verloren gegebenen Utopie

Nicht nur das Wissen in ihr lässt sich als dezentrales Netz begreifen, das in der Theorie ohne Hierarchien auskommt. Es entsteht auch genau so. Rund 3,5 Millionen Freiwillige schreiben, editieren, diskutieren. Aus dieser Perspektive ist Wikipedia zwei Jahrzehnte nach der Gründung eine der letzten Bastionen einer Idealvorstellung des Internets, einer fast verloren gegebenen Utopie: ein freier, demokratischer Raum, allen zugänglich und in offener Debatte geformt. Ein basisdemokratischer Zettelkasten, dessen Hoffnung und Versprechen die Weisheit der Masse ist.

Dabei ist Wikipedia selbst aus einer kommerziellen Plattform heraus entstanden. Der US-amerikanische Medienunternehmer Jimmy Wales gründete sie 1999 als ein Nebenprodukt der Online-Enzyklopädie „Nupedia“. Die wurde bald wieder eingestellt, Wikipedia aber blieb. Ob den Gründern damals bewusst war, dass sie eine neue Form der kollektiven Wissensarchivierung geschaffen hatten?

20 Jahre Wikipedia : Was bleibt von der Utopie des freien Wissens?

Jimmy Wales, Gründer der Wikipedia, im Jahr 2021.DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

So wie die Plattform zufällig entstand, inspiriert sie heute selbst so manche Zufallsreise. Denn Wikipedia-Streifzüge – ob zur Recherche, zur Prokrastination oder um spontanen Wissensdurst zu stillen – kommen fast immer vom geraden Weg ab, das scheint ein wikipedianisches Naturgesetz zu sein.

“Trommelfeuer von Verschwörungstheoretikern”

Wer sich über Hanf informiert, landet schnell bei Chromosomensätzen, reist vom Hundertsten ins Tausendste, liest über die Fortpflanzungspraktiken von Regenwürmern, über Mülltrennung in Italien und vulkanische Dampfaustrittsstellen.

Längst aber ist freies, anonymes Wissen im Internet auch zur Gefahr geworden. Das zeigen nicht zuletzt soziale Medien, die auch Schleudern für Falsch- und Desinformationen sind. Die aktuelle Debatte um die Sperrung von Donald Trumps Twitter-Account und die Einsicht, dass wenige Großunternehmen unseren Zugang zu Information maßgeblich beeinflussen, erzwingt die Frage: Was ist von dem Ideal noch übrig? Allein ein Blick auf Klickzahlen zeigt, dass Wikipedia auf einsamem Posten steht: Unter den 20 meistbesuchten Internetseiten in Deutschland ist wikipedia.de die einzige nichtkommerzielle Website.

Die Enzyklopädie ist dank Moderation und vieler Freiwilliger bisher überraschend unanfällig für Verschwörungsmythen und Desinformation. Womöglich ist das dezentrale Netz resilient. Das mag an einem zentralen Editionsprinzip liegen: Wer etwas hinzufügen oder ändern will, muss es belegen. Dennoch räumt Gründer Jimmy Wales gegenüber dem „Spiegel“ ein, Wikipedia stehe „unter einem Trommelfeuer von Verschwörungstheoretikern“.

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Dass es keine verlässliche Quelle ist, predigen Lehrkräfte an Schulen und Universitäten. Oft sind es von Interessen Getriebene, die bewusst Fehler und ideologisch geprägtes Wissen in die Enzyklopädie eintragen.

PR-Teams schönigen die Wikipediaseiten von Unternehmen und öffentlichen Personen

Der berüchtigste stand 15 Jahre lang in der englischsprachigen Wikipedia. Dort war die Rede von Gaskammern in Warschau, in denen 200 000 jüdische Menschen vergast worden seien. In Warschau gab es zwar ein Konzentrationslager, Gaskammern jedoch nicht. Polnische Nationalist*innen hatten das falsche Wissen eingespeist, lange merkte es niemand. Die Schwarmintelligenz ist nicht immun gegen Schwarmblindheit.

Längst ist auch bekannt, dass nicht nur Freiwillige mitschreiben, deren einziges Ziel die Verbreitung von Wissen ist. Immer wieder werden Fälle publik, in denen PR-Teams die Seiten von Unternehmen oder Politiker*innen aufhübschen. Laut der britischen „Times“ wird „so ziemlich jeder mächtigen Organisation angelastet, das getan zu haben: der CIA, Walmart, der russischen Regierung (…), ExxonMobil“.

20 Jahre Wikipedia : Was bleibt von der Utopie des freien Wissens?

Als die englischsprachige Wikipedia am 15. Januar 2001 online ging, ahnte wohl niemand, wie groß das Projekt einmal werden würde.Foto: AFP

Routiniert würden PR-Firmen Wikipedia-Einträge säubern, aufpolieren, verändern. Laut T-Online schönte 2019 wohl ein SPD-Mitarbeiter die Artikel von Olaf Scholz und Klara Geywitz. 2018 soll das Büro von Martin Selmayr den Text über den damaligen Generalsekretär der Europäischen Kommission mit positiven Informationen ausgeschmückt haben.

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Digitale Graffiti: Hier wird Friedrich Merz zum “politischen Laiendarsteller”

Andere Änderungen könnte man als digitalen Vandalismus bezeichnen. Anfang Januar 2021 wurde Friedrich Merz in der deutschen Wikipedia plötzlich als „Jurist, Lobbyist und politischer Laiendarsteller (CDU)“ aufgeführt. Das Wort „Laiendarsteller“ verschwand schnell wieder aus dem Eintrag, aber der Vorfall zeigt, dass Wikipedia ein politischer Raum geworden ist, in dem eben auch digitale Graffiti gesprüht werden.

Ernster wird es, wenn Akteure verdeckt Einfluss darauf nehmen, wie über sie geschrieben wird. Der Beitrag zu Taiwan etwa: Das Land, auf das China Anspruch erhebt, wird immer wieder von einem „Inselstaat in Asien“ zu einer „chinesischen Provinz“ gemacht. Die BBC fand weitere Änderungen dieser Art in Bezug auf China, etwa im Artikel zu Tibet.

In China selbst ist Wikipedia gesperrt, auch in der Türkei war die Seite zweieinhalb Jahre nicht erreichbar. Der türkische Verfassungsgerichtshof verfügte Ende 2019, Wikipedia wieder freizuschalten. Längst ist das Schwarmwissen also nicht mehr für alle da. Auch das trübt die Vision des klassen- und grenzenlosen Brockhaus für alle.

Geschlechtergerechtigkeit, Neutralität: Es gibt noch viel zu tun

Hinzu kommen interne Probleme, die die Plattform wohl noch länger beschäftigen werden. 90 Prozent der Beitragenden sind laut eigenen Angaben männlich – bisher hält die deutsche Wikipedia am generischen Maskulinum fest. Progressiv klingt das im Jahr 2021 nicht. Beteiligte beklagten zudem eine schlechte Willkommenskultur gegenüber neuen Autor*innen.

Auch die Frage der Neutralität wird sich immer wieder stellen. Eine Studie der Harvard Business School kommt zu dem Schluss, dass Wikipedia-Einträge durchschnittlich etwas linksgerichteter sind als die der Encyclopædia Britannica. Andererseits: Je öfter ein Artikel editiert werde, desto neutraler werde er. Und vielleicht ist das die Weisheit der Masse in ihrer schönsten Form.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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