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10 Tote, 88 Infizierte, Regelverstöße : Was der Corona-Ausbruch in einem Berliner Pflegeheim für Hinterbliebene bedeutet

Ein anonym verfasstes Schreiben und Angehörige der Toten informieren die Heimaufsicht über Missstände. Die Leitung vom “Haus an der Spree” bestreitet alles.

10 Tote, 88 Infizierte, Regelverstöße : Was der Corona-Ausbruch in einem Berliner Pflegeheim für Hinterbliebene bedeutet

Das Seniorenzentrum “Haus an der Spree” liegt an der Rummelsburger Bucht. 200 Bewohner sind hier untergebracht.Foto: Robert Kiesel

Das alte Zimmer von Bernd Klaus liegt nur wenige Schritte von der Spree entfernt. Das Seniorenzentrum, mit rotem Backstein verziert, steht gleich an der Rummelsburger Bucht, auf der Stralauer Halbinsel in Friedrichshain. Herr Klaus, dement und an Parkinson erkrankt, wohnte hier seit Jahren. Klaus hieß in Wahrheit anders, seine Angehörigen wollen anonym bleiben. Am 7. Dezember ist Bernd Klaus im „Haus an der Spree“ gestorben. Er hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Klaus ist damit einer von mehr als 500 Berlinerinnen und Berlinern, deren Betten in Senioreneinrichtungen und Pflegeheimen zur Todesfalle geworden sind. Sein Fall zeigt die Überforderung mit dem Virus, die Machtlosigkeit der Angehörigen.

Allein im „Haus an der Spree“, einer Einrichtung mit 200 Bewohnern, haben sich seit Anfang Dezember 61 Patienten und 27 Mitarbeiter mit dem Virus infiziert. Das bestätigten Heimleitung und Gesundheitsverwaltung. Bereits kurz nach dem Ausbruch berichtete der Tagesspiegel. „Es ist alles übersichtlich und im Griff“, sagte der zuständige Gesundheitsstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) damals. Zehn Menschen sind inzwischen gestorben, die mit dem Coronavirus infiziert waren – unter ihnen Bernd Klaus. „Hier gilt unser vollstes Mitgefühl und Beileid den Angehörigen für den Verlust in dieser schweren Zeit“, schreibt Heimleiterin Katrin Wehrmann. Man habe zu jeder Zeit mit den Behörden zusammengearbeitet. Behörden und Angehörige aber erheben Vorwürfe gegen das Heim.

Es ist der 7. Dezember, gegen Mittag. Bei Frau Klaus klingelt das Telefon. Eine Pflegerin ist dran. „Sie sagte, sie fühle sich jetzt verpflichtet, mich zu benachrichtigen. Sie würden meinen Mann nicht mehr ins Krankenhaus bringen, weil er schon sehr schlecht Luft bekäme.“ Erst da habe sie erfahren, dass ihr Mann schon Tage zuvor positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Niemand hatte sie informiert. So erzählt es die Frau dem Tagesspiegel. „Ich habe die Heimleitung sofort angerufen. Ob ich ihn sehen darf? Wegen der Quarantäne dürften sie niemanden ins Heim lassen, ich solle am nächsten Tag noch mal anrufen.“ Gegen halb sieben klingelte wieder das Telefon. Herr Klaus war gestorben, sie hatte ihn nicht noch einmal sehen können.

Ebenfalls am 7. Dezember erreicht ein anonym verfasstes Schreiben den Tagesspiegel, ein weiterer Brief landet im Postkasten der Berliner Heimaufsicht. Sie ist für Beschwerden von Mitarbeitern und Bewohnern der Pflegeheime zuständig, darf Heime auf Mängel prüfen.

In dem Schreiben werden unter Nennung von Namen, Daten und Infektionszahlen schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben. So sollen Abstriche auf Anweisung der Heimleitung bei den Bewohnern nicht im hinteren Nasenbereich, sondern im vorderen entnommen worden sein, um Infektionen zu verschleiern. Mitarbeiter sollen von der Heimleitung angewiesen worden sein, Infektionen gegenüber Angehörigen, Behörden und Journalisten zu verschweigen. Mitarbeiter sollen aufgefordert worden sein, trotz Erkältungssymptomen weiterzuarbeiten. Wegen fehlendem Personal sollen die Mitarbeiter auf unterschiedlichen Stationen gearbeitet und das Virus so in der Einrichtung verbreitet haben. Auch der Fall von Bernd Klaus wird erwähnt.

Die Heimaufsicht besuchte das Heim wegen der Vorwürfe am 8. Dezember gemeinsam mit dem Gesundheitsamt. Durch die Heimaufsicht und nach mehrfacher Rücksprache mit dem Amtsarzt seien Hygieneverstöße festgestellt worden, schreibt Lisa Frerichs, Sprecherin von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Mitarbeiter informierten die Behörden außerdem über „Personalengpässe im Pflegebereich“.

Die Heimleiterin weist die Vorwürfe auf Anfrage zurück. Hausärzte, Behörden und Angehörige seien sofort nach dem Ausbruch am 3. Dezember benachrichtigt worden. Alle Mitarbeiter seien für die korrekte Durchführung der Schnelltests geschult worden. Das Personal müsse jeweils zum Schichtbeginn in einem Formular eintragen, dass es symptomfrei sei. Bei „Verlangen der Mitarbeitenden“ würden Schnelltests durchgeführt. „Wir haben alle geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen, behördlich abgesprochenen Maßnahmen sofort ergriffen und umgesetzt“, schreibt die Heimleiterin Katrin Wehrmann.

Die Mitarbeiter seien auch nicht zum Schweigen gegenüber Behörden und Journalisten angewiesen worden. „Richtig ist, dass eine Schulung der Mitarbeitenden zum Thema Datenschutz gehalten wurde“, schreibt Wehrmann. „Die Angestellten unterliegen der Schweigepflicht, es droht bei Verstoß eine Strafverfolgung.“ Die Infektionen bei den Mitarbeitern stellen das „Haus an der Spree“ vor neue Probleme: Zuletzt mussten kurz vor Weihnachten Bewohner in andere Einrichtungen verlegt werden – wegen Personalmangels. Auf der Website steht in roter Schrift: „Die Einrichtung befindet sich bis auf weiteres in Quarantäne.“ Besuche seien nicht möglich.

„Jeden Abend sagen uns Politiker in den Nachrichten: Niemand soll allein sterben“, sagt Frau Klaus. „Mein Mann ist aber allein gestorben.“ Sie hatte Bernd Klaus vor seinem Tod seit Wochen nicht gesehen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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